muss oder
Genuss?
Bekannt ist, dass den meisten Judoka das Ausüben
von Kata ein Greuel ist. Ein lästiges muss
auf dem Weg zum meist ersten, lang ersehnten Dan-Grad. Ebenfalls
bekannt ist, dass die grundlegenden Übungsformen Kata, Randori und Shiai sind. Im
Judo Magazin, Ausgabe 7/8, gab es zwei Artikel, die sich mit dem Themenkreis
Dan/Kata beschäftigten. Dazu folgende Anmerkungen:
Tadao Otaki und Donn F. Draeger stellen in ihrem
Buch „Judo Formal Techniques" anschaulich die Bedeutung von Kata, Randori
und Shiai als Übungsform dar. Zu Beginn des Judozeitafters gab es nur Randori
und Kata. Dabei nahm Randori ca. 80 % der Trainingszeit in Anspruch. Bis zum
Tode Kanos 1938 nahm der Anteil der Kata am täglichen Üben stetig zu und fiel
nach seinem Tode rasch wieder ab. Böse Zungen könnten behaupten, das läge
daran, dass Meister Kano in fortgeschrittenem Alter aus körperlichen Gründen
die Kata vorzog. Das ist ebenso unrecht, wie die Behauptung, Kata wäre die
Breitensportantwort auf den Wettkampf und besonders (nur) für ältere Judoka
geeignet. Tatsache ist, dass ein Judoka, der nur frei übt (Randori), kleinere
technische Fortschritte erzielt als der, der sich einzelne Situationen
herausnimmt, diese gesondert unter genau abgesprochenen Bedingungen
einstudiert und danach im Randori versucht anzuwenden. Die Tipps und Tricks
des Trainers können so umgesetzt werden, und das Rad muss nicht von jedem jedes
Mal neu erfunden werden. Shiai als Übungsform hielt als solches nach den o.g.
Autoren übrigens erst nach dem zweiten Weltkrieg sowohl ins westliche, als auch
ins japanische Training Einzug.
Bei einer der zahlreichen Katameisterschaften in
Hamburg ist mir ein Paar aus Hessen aufgefallen, die mehrfach die Juno Kata
vorführten. Die Vorführungen waren verblüffend harmonisch, ein Ergebnis
jahrelangen Trainings und stetiger Geduld. Selbst Kata-Gegnern stockte der
Atem. Im Gegensatz dazu steht das hektische Einstudieren der Kata ein Vierteljahr
vor der Dan-Prüfung, das tatsächlich keine überzeugenden Ergebnisse liefern
kann.
Bezeichnend für den Umgang mit dem konsequenten
Einstudieren ist die Faulheit sowohl von den Übenden selbst als auch von den
Trainern. Denn welcher Trainer hat sich einmal die Mühe gemacht, die Nage no
Kata zur Perfektion zu bringen und Teile ins tägliche Training einzuflechten?
Einen Spezialwurf übt man, bis man umfällt! Folglich wird die Kata im Training
vernachlässigt, schließlich möchte man den Judoka ein Bewegungsvorbild sein
und nicht Techniken zeigen, die man eigentlich gar nicht kann. Man zeigt
Seoi-nage oder Uchi-mata; aber Uki-otoshi, Kata-guruma oder Uki-goshi
„funktionieren im Kampf ja gar nicht!" Warum sollten sie das nicht, in der
einen oder anderen Situation; ein breitgefächertes Repertoire an wirklich
verstandenen, erlebten und geübten Würfen ist da wohl eher im Sinne des Erfinders.
In der einen oder anderen Situation. Da wären
wir. Hat denn jemand die Nage no Kata schon einmal analysiert? Schließlich
vermittelt sie Judo, und Judo ist nun einmal Zweikampf. So stellt sich die
Ausgangssituation offensichtlich immer gleich dar. Uke greift an, in dem er
fasst und vorwärts geht, allenfalls noch von oben schlägt. Tatsächlich
durchlebt Uke während der Kata einen Lernprozess, in dem er niemals denselben
Fehler zweimal macht. Nehmen wir einmal den Schlag von oben. Auf ihn gibt es
vier verschiedene Antworten: Ippon-seoi-nage, Uki-goshi, Ura-nage und
Yoko-guruma. Bei Ippon-seoi-nage wird der Schlag von Uke kräftig mit nach vorne
strebendem Gleichgewicht ausgeführt, völlig leichtsinnig, wie er kurz darauf sofort
erkennt, denn Tori duckt sich darunter weg, und Uke wirft sich zum großen Teil
selbst. Den zweiten Angriff startet Uke schon bedächtiger und enthält Tori
seine Schlagarmschulter vor; wenn man einigen Interpretationen glauben darf,
blockt Uke sogar mit der freien Hand die vermeintlich eindrehende Hüfte Toris.
Dieser jedoch nimmt gerade diesen Arm und wirft Ukes Gegenbewegung folgend
Uki-goshi links in einer horizontalen Kreisbewegung genau anders herum, als
Uke erwartete. Der dritte Angriff wird gar nicht mehr mit dem Ziel ausgeführt,
Tori nach hinten unten umzuschlagen und dabei das eigene Gleichgewicht
aufzugeben, vielmehr erfolgt der Schlag nun senkrecht nach unten auf Toris
Kopf. Dieser antwortet mit Ura Nage. Dabei wird Uke direkt nach unten, quasi
auf der Stelle geworfen und nicht zwei Meter nach hinten. Das erfordert eine
starke Rückenmuskulatur und weniger Armmuskeln, denn die Krümmung des Rückens
ist extrem. Um auch dieser Reaktion von Tori auszuweichen, bewahrt Uke bei
seinem vierten Angriffsein Gleichgewicht zwischen seinen Beinen und zieht das
hintere Bein nicht heran. Das ermöglicht ihm, das vordere Bein als Gegenstütze
für den Fall eines Konterwurfes zu nutzen. Tatsächlich, Tori setzt Ura Nage
an, Uke stützt sich ab und umschlingt Toris Kopf, doch dieser nutzt Ukes
seitlichen Stand zu Yoko-guruma.
Solch eine Analyse ergibt noch viel mehr, z. B.
taktische Verhaltensweisen, das Wechseln von Widerstand und Nachgeben, die
Variation des Konterzeitpunktes u.v.m. Wenn man die Kata unter diesen
Gesichtspunkten übt, wird sie bei jedem Training neben den offensichtlichen Vorteilen
wie Gleichgewicht, Präzision und Wurfgefühl noch viele weitere wertvolle
Kampftipps liefern, die vielleicht neue Ideen bringen.
Das intensive Studium dieser 15 unterschiedlichen
und großen Würfe, denn Kano hat bewusst kleine Techniken und Techniken nach
hinten ausgelassen, vermittelt ein Bewegungsgefühl, wie es kein reines
Randoritraining zu lehren vermag. Aber ohne den Kampfgeist des Randoris („...
act with true fighting spirit...") kann es keine lebhafte Kataform geben.
Zu einem solchen intensiven Studium der Katas
muss es aber mehrere Dinge geben, die meistens fehlen. Man selbst muss neben
der Ausdauer eine Spur Idealismus mitbringen, den man im Randori und
Wettkampftraining vielleicht etwas zu sehr gegen Realismus eingetauscht hat. So
dann muss man bereit sein und die Gelegenheit haben, neben dem normalen Training
die Kata zu üben, denn für dieses ist das Eigenstudium zu umfangreich. Nicht
zuletzt sollte man über eine qualifizierte Anleitung verfügen. Diese ist in
Form von Trainern meistens nicht gegeben, was die Motivation nicht gerade
fördert. Das Studium nach Buch empfiehlt sich zwar in der Regel nicht, ist
aber nach dem Durchstöbern des o.g. Werkes von Otaki und Draeger durchaus
empfehlenswert.
Holger Oest, Hamburg